“esst nur im Hotel…” meinte die Oma vom Louis. Zur Zeit essen wir selten sogar mal dort, denn erst hat mich die höhenkrankheit erwischt und nun Louis. Die ist nicht sonderlich dramatisch, nur fühlt man sich zwei Tage mal so richtig elend. Es erwischt an die 40% der Touristen, die mit dem Zug nach tibet kommen, und an die 75% die aus nem Flieger kriechen. 4800m gehen nicht spurlos an einem vorbei. Unser Guide hat unsere Tour etwas umgeplant, so dass wir nicht noch höher auf das Everest Base Camp fahren, soll eh schlechtes Wetter sein aufgrund des Monsuns. Ein bisschen traurig darüber sind wir beide schon, aber es bringt nichts wenn einer durchhängt. Die ersten zwei Tage waren wir in Lhasa und haben uns erholt von der 46 stündigen Zugfahrt zusammen mit 130 Chinesen (89 wären max zugelassen) in dem stinkigen Wagon der hardseater. Zwei Tage null Privatsphäre, eine bank zum schlafen von ca. 150cm für uns zwei, schlafmangel wegen der abwechselnden Wachschichten, dass man unser zeug nicht klaut, gammliger Proviant und vollgeschissene Toiletten. Nach xining stiegen zum Glück ein paar sehr umgängliche Tibeter in unseren Wagon, danach wurde es ein wenig entspannter. Alles im allem war es eine wahnsinnige Grenzerfahrung – cool es erlebt zu haben, aber kein Bock auf Wiederholung.
Ich vermute aber genau aus diesem Grund ist uns tibet noch ein bisschen schöner vorgekommen. Man kann die Magie von tibet kaum in Worte fassen und nur wer auch schon einmal hier war kann das nachempfinden.
Nochmal zwei Tage sind vergangen. Wir sind wieder zurück in Lhasa. Kristin schläft gerade und mein Hirn funktioniert seitdem wir gestern früh aufgebrochen sind das erste mal wieder “normal”. Ich dachte ich hätte etwas falsches gegessen, aber Punzo unserer englisch sprechender tibetischer Guide sollte recht behalten das mich doch auch die höhenkrankheit erwischt hat. auf über 5000 Höhenmeter sollte man angeblich erst nach einer einwöchigen aklimatisierung. Als wir dann gestern über die teilweise 5200m hohen Pässe gefahren sind habe ich meine Umwelt leider noch im fieberwahn mitbekommen. Kaum waren wir etwas tiefer, am Yamdrocksee ging es mir auch schon ein bisschen besser. Die Farbe ist wirklich atemberaubend. Das hell leuchtende türkis kommt durch die gespiegelte Himmelsfarbe zustande die wiederum auch einzigartig ist.
Tibet ist wirklich wahnsinnig schön und die Tibeter sind ein so liebenswertes Volk. Ich könnte die Tibeter an einer Hand abzählen, die wenn man ihnen mit einem lächeln begegnet nicht mit einem über das ganze Gesicht strahlendem Grinsen antworten. alle rüstigen Frauen die hier mit ihrem Yakbuttergefäß in der einen Hand und der Gebetskette in der anderen in und um die Klöster und Tempelanlagen streichen haben so tiefe vom Leben gezeichnete Lachfalten das man neidisch werden könnte. Und es ist unglaublich wie wenig sich die gläubigen Tibeterpilger von den Horden respektloser Chinesischer Touristen vom beten ablenken lassen.
Die Chinesen in Tibet – oder sollte ich sagen China West, Tibet darf dieses Land nämlich nicht mehr genannt werden – führen sich auf wie… ich finde keinen passenden vergleich. der Touismus ist seit der “befreiung” durch China komplett von China kontrolliert. Das heißt für Geld kann man hier alles machen. In Klöster gehen, bei den traditionellen Lesungen der Mönche anwesend sein und für ein paar extra-yen die Mönche fotografieren. Genug Chinesen zucken nicht mal mit der Wimper, wenn sie da jeden Mönch einzeln mit einem Blitzlichtgewitter ablichten. Die Lesenden Mönche sind überraschend gelassen, aber sichtlich weniger in sich gekehrt durch diese erzwungene Prostitution. Auch die Buddhas können teilsweise fotografiert werden – obwohl dem Glauben nach ein Abbild nicht gestattet ist. 95% der Touristen sind Chinesen, die da an jeder Ecke stehen und sich mit einem Viktoryzeichen von ihrem Begleiter ablichten lassen. Sie haben ja schließlich das Privileg nicht eine Armada an Permits mit Dutzenden von Stempeln für jeden Furz vorweisen zu müssen. Im Gegenteil, sie können sich hier sicherer fühlen als im Rest “ihres” Landes. An jeder Kreuzung stehen 4 chinesische Militärs ausgerüstet mit Schutzsicheren Anzügen, Schildern, Pumpgun und Granatwerfern! Ich meine GRANATWERFER, wovor haben die Angst? Am meisten anscheinend davor das die Welt mitbekommt was hier eigentlich abgeht, denn das fotografieren der Militärs ist hier sowas von streng verboten wie sonst nichts. Ich hatte einmal den Fehler gemacht die Kamera ca. 50 Meter entfernt von Militärs anzuheben( ich hatte die noch nicht mal bemerkt ) als mich einer auf Chinesisch anschrie, dass mir fast die Kamera runterfiel. Da ich wusste das das Militär im bloßen verdacht eines Fotos sofort die Kamera konfeszieren dürfen, hab ich natürlich das weite gesucht – woraufhin mich einer der grünbefleckten Fuzzis noch eine Weile verfolgt hat.
Privilegien haben sie ja viele, die Chinesen und insbesondere die Militärs. z.B. Fahren alle Chinesischen Militärs haargenau den gleichen Geländewagen mit abgedunkelten Fenstern und verdecktem Nummernschild, die überall Vorfahrt haben. ungefähr so inkognito wie das Militär behandelt wird, so offen behandeln sie das leben der Tibeter. In jeder noch so verranzten Seitenstraße trohnt eine Kamera – manchmal etwas laienhaft als Plastikbaum getarnt, was dann unverhofft zu unserer Belustigung beitrug. Hehe.
Was weniger zur Belustigung beiträgt, wenn man einen Pulk Chinesen sieht die einer nach dem anderen einen kleinen Tibetischen Jungen an sich zerren, um mit ihrem beliebten Viktory Zeichen ein Foto mit diesem lustig aussehenden Ding machen zu lassen.
Uns fällt der Gedanke die nächsten zwei Wochen durch China weiterzutravelln sichtlich schwer. Natürlich kann man sie nicht alle über einen Kamm scheren, wir hatten schließlich auch schon gute Erfahrungen mit Chinesen gemacht. Trotzdem würden wir die Zeit um einiges lieber noch in Tibet verbringen oder weiterziehen Richtung Indien. Heute ist unser letzter Tag, Punzo und unser einäugiger Fahrer holen uns gleich ab und die sind grundsätzlich zu früh dran.
Liebe Grüße
Louis&Kristin